Sonne, Wind und 12 Grad sowie zwei Hände voll Regentropfen – Laufen in Reykjavik am 24.08.2019

Wenn hier nun die heißen Sommertage (vorerst) ein Ende haben, sind die Erinnerungen an das frische Laufwetter in Island noch nicht verblasst. 10 Tage zurück – da waren wir noch in Reykjavik, zum Ende einer längeren Island-Reise mit vielen Wanderungen, einigen Hügel- und Straßenläufen, dem Baden in heißen Quellen, dem Entspannen im Hotpot und dem Schwimmen in einigen der unzähligen Schwimmbäder im Freien, die dank der geothermischen Voraussetzungen im Schwimmbecken fast Badewannen-Temperatur anbieten.

 

Islands größte Laufveranstaltung – der Reykjavik-Marathon – findet traditionell immer Mitte August statt, und sie war nicht nur hinsichtlich der Teilnehmerzahlen ein enormer Erfolg. Gefühlt war die Hälfte der Isländer auf der Strecke oder in die Organisation eingebunden und die andere Hälfte stand am Straßenrand und hat alle Läuferinnen und Läufer kräftig angefeuert. Außerdem liefen noch die letzten Vorbereitungen von Menningarnótt, DER Kulturnacht Reykjaviks, die nicht erst in der Nacht, sondern schon am Mittag beginnt. Kurz: alle waren irgendwie auf den Beinen. Und dieser volle Veranstaltungstag hatte uns bereits vor fünf Jahren so gut gefallen, dass wir unseren diesjährigen Island-Aufenthalt unbedingt wieder mit der Teilnahme am Halbmarathon verbinden wollten.

Die Isländer stehen früh auf, der Start für den Marathon und Halbmarathon war bereits um 08.40 Uhr. Ganz ohne Hektik kamen wir nach einem entspannten Fußweg von 40 Minuten im Stadtzentrum an. Dann war noch eine gute halbe Stunde Zeit, in der alles andere zu erledigen war – von Taschenabgabe bis Toiletten, ein wenig einlaufen und hineinfühlen, was alles gerade (nicht) schmerzt – und dann war auch schon Zeit, sich in das Starterfeld einzureihen. Das war – wie schon geschrieben – wirklich groß: Island hat nur ca. 375.000 Einwohner und mehr als 14.000 Läuferinnen und Läufer waren auf allen Strecken unterwegs. 1.100 Marathon- und 2.600 Halbmarathon-Läufer (unter ihnen fast 1.200 Frauen!) gingen mit dem ersten Startschuss des Tages auf die Strecke. Die führte zunächst aus dem Zentrum hinaus durch einige Wohnsiedlungen, dann am Wasser entlang und zurück zur Harpa, dem Konzerthaus Reykjaviks, das jeden Tag geöffnet ist und z.B. Besucher und Einwohner im Sommer täglich zu einem halbstündigen Mittagskonzert einlädt. An der Harpa vorbei ging es dann weiter am Wasser entlang, auf einer großen Straße mit leichter Steigung und Wind (puh, aber ok, Wind gab es immer) fast 5 km bis zur Wendestelle. Danach diese zurück, an der Harpa vorbei und dann endlich ins Ziel.

Ich hatte mich vor dem Start in den 1:45er bis 1:52er Bereich einsortiert. Schneller hatte ich mit Blick auf das bisherige zum Teil „verletzte“ Laufjahr ausgeschlossen und auch zum Abschluss eines Urlaubs mit zwar viel Bewegung, aber einem eher unsystematischen Lauftraining schien – wenn es gut laufen würde – allenfalls eine Zeit unter 1:50 realistisch und als Ziel geeignet. Mein Lauftraining der zurückliegenden drei Wochen bestand schließlich nur aus insgesamt fünf Trainingsläufen, einer davon etwas länger mit 17 km und ein anderer als Intervall am Berg – in Islands Norden in Dalvik bei stürmischen Herbsttemperaturen. Dafür gab es Wanderungen im Hochland, Exkursionen zu Walen und Papageientauchern und manchen Gletscher am Horizont.

Zurück zum Lauf: Der 1. Kilometer auf der Strecke war – wie gewöhnlich – durch das Sortieren im Läuferfeld geprägt, er war ganz ok. 5.10 war fein, so sollte es doch noch ein wenig weitergehen. Links und rechts ergab sich immer mal ein Gleichschritt mit anderen Läufern und so waren dann die ersten 10 Kilometer nach 50 Minuten schon geschafft. Die tolle Atmosphäre am Straßenrand mit Saxophon oder Gitarre vom Balkon, kleinen Bandauftritten oder den Charity-Ständen trug sicher ebenso zu einem perfekten Laufgefühl bei. Dann ging es noch in einer Schleife durch das Gebiet am Hafen und an der Harpa vorbei. Raumgreifende Schritte und Tempo hochhalten – daran erinnerte ich mich immer wieder, mit der kleinen beständigen Steigung, die dann folgte (nein – eigentlich war es trotzdem ein flacher Lauf) wurde es irgendwann dann doch etwas mühseliger. Ein Energy-Gel hatte ich noch in der Hosentasche, das würde vielleicht keine Flügel verleihen, aber mich unterwegs vor dem „Leerlaufen“ bewahren. Also raus damit, den leichten Hügel runter zur Wendestelle nutzen, dort noch einen Schluck Wasser aufnehmen und dann die letzten ca. 4 km zurück ins Ziel. So ein Ziel zieht immer – es lief sofort besser und die Harpa rückte auch näher. Dann bogen die Marathonläufer ab. Nun war es nicht mehr weit, die Zuschauer standen Spalier, feuerten an, ich wagte einen Blick auf die Laufzeit: Oh, tatsächlich? Beschwingt nahm ich die Beine in die Hand und lief in 1:45:27 ins Ziel.

Im Ziel gab es eine tolle Medaille (zu einem Lauf-Shirt, das alle Teilnehmer schon bei der Startnummernausgabe erhalten hatten) eine hervorragend organisierte Zielverpflegung im abgesperrten Bereich mit Bühne und Band, kurze Wege zur Kleiderrückgabe und dann den „Wanderweg“ zurück ins Hotel. Der war etwas „eckig“, denn meine 2 Tage vor dem Lauf gezerrte Wade meldete sich nun doch. Aber das habe ich gern ertragen.

Am Nachmittag ging es dann wieder zurück. Dabei konnten wir noch die letzten Marathon-Läufer anfeuern, die eine letzte Schleife durch das Stadtzentrum bis zum Ziel liefen. Wir waren aber schon mitten drin in der Kulturnacht: Straßenmusik, in Hinterhöfen von Hausbewohnern organisierte Waffel-Stände, auf einem Markt zwischendrin Samba tanzende Menschen in Jeans und T-Shirt, Konzerte in der Harpa und vieles mehr luden alle ein, den Abschluss des Sommers gebührend zu feiern. Spät am Abend gab es dann noch ein beeindruckendes Feuerwerk, das allein eine Reise nach Reykjavik wohl wieder wert sein würde.

Manche sagen ja, Geheimtipps möge man nicht weitersagen. Oder nur im kleinen Kreis darüber berichten. Der Reykjavik-Marathon ist für mich so ein Geheimtipp. Aber einer, über den man auf jeden Fall berichten muss. Nicht nur denjenigen, die sich im Sommer eine kühle und schnelle Laufstrecke wünschen, kann ich ihn empfehlen. Und wer einen Besuch Islands sowieso „auf seinem Zettel“ hat, sollte zumindest prüfen, ob sich der Reykjavik-Marathon damit verbinden lässt. Einfach genial. Bester Gesprächsstoff für das nächste Lauftraining im Lauftreff 2000.

Ilka

Weiterführende Links:
Trainingsgruppen des PLCs