Laufen nördlich vom Polarkreis – Polar Night Halfmarathon in Tromsø am 05.01.2019

Gleich vorneweg – nein, es gab während des Laufs keine Polarlichter am Himmel über Tromsø, und es war auch sonst kein ganz einfacher Lauf. Aber einen einfachen Lauf hatten die Veranstalter auch nicht versprochen. Das positive im Vergleich zu den Vorjahren: die Plustemperaturen. Aber dazu später mehr.
Wenn das Lauf-Jahr für viele noch nicht wieder richtig begonnen hat, startet am ersten Wochenende im Januar in Tromsø der Polar-Halbmarathon. Erstmals durchgeführt im Jahr 2004 ist er der kleine Bruder des Midnight-Sun-Marathon, der in diesem Jahr bereits zum 30. Mal auf der Agenda steht. Dass der Laufsport fest zu Tromsø gehört, zeigt sich seit zwei Jahren auch im Stadtbild an der bronzenen Läuferskulptur.

Aus dem kleinen Winterlauf ist inzwischen ein verhältnismäßig großes Laufsport-Vergnügen geworden: Im Vergleich zu 2016 (da waren wir das erste Mal dabei) haben sich die Teilnehmerzahlen verdoppelt, von knapp 500 auf 1.000 auf der Hauptstrecke. Den Geheimtipp-Status hat der Lauf damit wohl verlassen, trotzdem ist er mit dem bezaubernden Lichter-Flair im Stadtzentrum und seinem Rahmenprogramm – neben der Pastaparty im Polaria-Museum am Vorabend gibt es hinterher eine beeindruckende Siegerehrung und danach noch ein Dinner – (mehr als nur) einen Besuch wert! Allerdings nur…
… wenn einem das Wetter am Tor zum Eismeer nichts ausmacht. Zwar ist es in Tromsø aufgrund der geografischen Lage am Golfstrom gar nicht so kalt – von -5 bis +5 Grad sind die Temperaturen fast wie zu Hause – aber Niederschlag und Wind sind nicht zu vernachlässigen. Und so gab es bei der Ankunft zunächst viel Schnee, aber auch Regen und einsetzendes Tauwetter. Damit war es auf den Fußwegen und Straßen tagelang zum Teil spiegelglatt, auch auf der Laufstrecke. Die Empfehlung der Veranstalter, Spikes zu tragen, konnte man nicht hoch genug schätzen. Das sollten die Läufer der eigenen Gesundheit zuliebe auch tun.
Nach dem Start um 15.00 Uhr ging es nach den ersten schnee- und fast eisfreien 1,5 Kilometern im Stadtzentrum über Fußwege und kleine Straßen durch eine Wohnsiedlung und dann ab Kilometer 3 entlang der zum Flughafen führenden Straße auf dem begleitenden Rad- und Wanderweg bis zu einer doppelten Wendemarke: zunächst bei KM 9,5 am Flughafen, danach bei KM 11 an der Brücke zur Insel Kvaloya. Dann geht die Laufstrecke genauso zurück. Die Strecke war wie immer perfekt gekennzeichnet, denn in regelmäßigen Abständen säumte winderprobtes Kerzenlicht im Schnee die gestreute, aber durch den leichten Nieselregen spiegelglatte Strecke.

Merklich mit Wind im Rücken geht es auf der welligen Strecke weiter und wer die Strecke schon kennt, ahnt, dass besonders die freien Abschnitte auf dem Rückweg neben der Glätte wieder einmal eine weitere Herausforderung bereithalten: Gegenwind. So freue ich mich auf dem ersten Teilstück, dass es doch ganz gut läuft, genieße den Blick in die Dunkelheit aufs Wasser und bin beruhigt, dass die Spikes wenigstens überwiegend leisten, was sie leisten sollen. Auf den besonders eisigen Streckenabschnitten helfen sie allerdings nur wenig, zum Glück habe ich immer einige Läufer vor mir, deren Ausweich- und Ausgleichmanöver mir zeigen, wo ich besonders aufpassen muss.

Auf dem Weg zurück ziehe ich dann die Mütze etwas tiefer ins Gesicht und versuche, in der Gruppe zu laufen. Gemeinsam fällt es uns dann hoffentlich weniger schwer, das Tempo hochzuhalten und dem Wind zu trotzen. So geht es zurück, im Tunnel unter der Landebahn hindurch, über die drei Kreisverkehre (der Straßenverkehr muss warten, für die Läufer ist das wirklich sehr gut organisiert) und dann geht es bis Km 18 immer an der Straße entlang. Wenn die Spikes nicht greifen, musst du sofort nachsteuern. Ein Lauf in „Lauerstellung“: Einfach mal laufen lassen, geht hier nicht. Als ich dann kurz nach km 18 wieder in die Siedlung einbiege, freue ich mich auf die Abwechslung, die nun folgt. Einige Male biegt die Strecke nach links und wieder rechts ab, später folgt noch ein richtiger Anstieg, bevor dann das Stadtzentrum nicht mehr weit ist. Jetzt (fast) nur noch geradeaus und das Tempo anziehen. Auf geht’s. Noch einmal zwei schnelle Kilometer auf zunehmend eisfreier Strecke sind Belohnung für die Herausforderung im Winter. Mit einem Lächeln geht es nach 1:56 h ins Ziel. Dort werde ich mit einer Erinnerungsmedaille und einer Wärmefolie empfangen, als Zielverpflegung gibt es Obst und heißen Fruchtsaft. Ein Samizelt daneben bietet Gelegenheit zum Aufwärmen und für eine erste Erholung, bevor dann in den nahegelegenen Räumlichkeiten die Lauf- und Wechselsachen rasch in Empfang genommen werden können. Das muss ich alles gar nicht in Anspruch nehmen, denn das Hotel ist nur fünf Minuten entfernt. Kurze Wege also.

Damit ist die Laufveranstaltung noch nicht zu Ende. Es folgt am Abend eine wie immer schön inszenierte Siegerehrung im besten Hotel der Stadt, gefolgt vom After-Race-Dinner, bei dem alle – Teilnehmer und Organisatoren – ihren Erfolg genießen können. Das machen wir auch. Ein großes Dankeschön an die Organisatoren für diese gelungene Veranstaltung!
Fazit: Wer den Lauf auf seinem Zettel hat, sollte inzwischen früh buchen. 2-3 Tage Verlängerung bieten die Möglichkeit, die nordische Natur zu erkunden: Schlittenhunde, Rentiere, Wale und Polarlichter, draußen und im Museum. Für Polarlichter fahren nicht wenige Reiseveranstalter mit kleineren oder größeren Bussen inzwischen bis nach Finnland, da ist häufig das Wetter stabiler und der Himmel weniger wolkenverhangen. Gelassenheit in dieser Frage hilft, den Winterlauf zu genießen und sich – wenn es passt – über die Polarlichter zu freuen.
Ilka