Mein erster Marathon
Rennsteig 2018

Es begann wie so oft mit einem Spaß.

In einem bekannten Sport-Newsletter war der Hinweis auf den Berlin-Marathon 2018 zu lesen und daß es wieder eine Lotterie für die Startplatzvergabe geben würde. Ich sagte dies meiner Frau und meinte, daß ich mich ja mal dort beteilige könne, denn schließlich sei die Chance, dort einen der begehrten Startplätze zu ergattern, relativ gering. Gesagt, getan. Nachdem ich mich am 16.09.2017 angemeldet hatte, beschlich mich trotzdem ein kleines, jedoch mulmiges Gefühl verbunden mit der Frage, was wäre, wenn ich tatsächlich gezogen werden würde. Dann müßte ich erstens das nicht unerhebliche Startgeld zahlen und zweitens auch noch die 42,195 km laufen, welche ich noch nie in meinem Leben zusammenhängend hinter mich gebracht habe. Aber ausgeschlossen, bei meinem Glücksziehlevel kann da gar nichts passieren! Dachte ich und wurde eines Besseren belehrt. Denn am 27.11.2017 teilte man mir mit, daß ich „schon jetzt (fast) ein Gewinner“ sei. Rumms, das Startgeld weg und dafür 42,195 km aufgebrummt. Auweia, nun war guter Rat teuer. Aber Bange machen gilt nicht. Also fing ich an, mich nach Strecken umzuschauen, welche die entsprechenden Längen aufweisen und wo man die Eintönigkeit, auch ohne Musik, in Schach halten kann. Diese waren dann auch schnell gefunden und es sollte losgehen. Jedoch verhinderte eine Herbsterkältung, welche ich am Anfang nicht wirklich auskuriert hatte, eine rasche Ausweitung der Streckenlängen. Tatsächlich mußte ich bis Weihnachten warten, ehe ich die Marathonvorbereitung starten konnte. Ab diesem Zeitpunkt bis Anfang März konnte ich die Strecken bis auf 25km ausdehnen. Nicht schlecht, aber es blieben noch 17km übrig, die es zu bezwingen galt. Aber bis Mitte September war ja noch viel Zeit zum Trainieren. Inzwischen setze sich aber ein weiterer Gedanke in meinem Kopf fest. Ende Mai hat ich meinen Halbmarathon am Rennsteig geplant und in mir reifte die Vorstellung, als Vorbereitung des Berlin-Marathons, den Rennsteig-Marathon zu laufen. Ich gab mir bis Mitte April Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Aber aufgrund eines stomatologischen Eingriffs Mitte März mußte ich, auf Anraten des behandelten Arztes, eine Zwangspause einlegen, die mir aber die Möglichkeit gab, mich tiefgreifend zu regenerieren. Entgegen der weitläufig verbreiteten Meinung in der Läuferschar, zielte mein Lauftraining darauf ab, die Marathonstrecke, wenn möglich zwei- bis dreimal im Training zu laufen, bevor der große Auftritt stattfinden sollte. Ich höre schon den Aufschrei auch in unserem Lauftreff, weil doch die meisten Experten sagen, daß 30 bis max. 35km in der Marathonvorbereitung ausreichend seien. Hierzu vertrete ich eine diametrale Ansicht, denn wenn man gerade so 30 km schafft und dann noch 12km vor sich liegen hat, dann können diese letzten Kilometer zur Tortur werden und richten unvergleichlich mehr Schaden im Körper an, als wenn man seinen Körper auf die anstehende Belastung stetig vorbereitet. Das sind jedenfalls meine Erfahrungen aus 12 Jahren Leistungssport. Letztendlich kam ich meinem selbstgesteckten Ziel trotz aller Rückschläge bis Mitte April sehr nahe. Ich schaffte zwar nur 38km, aber ich war mir zum ersten Mal sicher, die Marathondistanz bezwingen zu können, da nur noch 4 km fehlten. Also meldete ich mich beim Rennsteig-Halbmarathon ab und zum Rennsteig-Marathon an, auch mit der Gewissheit, statt der knapp 400m Höhenmeter jetzt ca. 800 Höhenmeter „erklimmen“ zu müssen.

Der Marathontag begann bereits um 5.00 Uhr morgens. Es hieß ausreichend zu frühstücken und die Wechselsachen in den vorgesehenen gelben Beutel zu packen. Der Bus sollte um 6.15 Uhr gehen, aber leider wurden wir alle, die nach Neuhaus am Rennsteig fahren wollten, ein wenig versetzt. Gegen 6.30 Uhr kamen die ersten beiden Busse, wo ich einen Platz fand. Wann der Rest abgeholt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. In Neuhaus angekommen, mußte ich mich erst orientieren, um dann relativ schnell auf Siggy und Sybille zu treffen. Jean-Luc trafen wir dann später in der Halle. Dort haben wir noch einen Plausch gehalten und sind dann rechtzeitig zum Startbereich gegangen, nicht ohne uns vorher viel Erfolg zu wünschen. Der Himmel war leergefegt und es schien ein warmer, vielleicht auch sehr warmer Tag zu werden. Nicht gerade das Wetter, was ich mir gewünscht hatte. Kurz vor Neun Uhr ertönte dann die Rennsteig-Hymne und alle waren kribblig loszustürmen. Endlich ertönte der Startschuß und die Massen setzten sich langsam in Bewegung. Das Abenteuer „Marathon“ hatte begonnen!! Würde alles nach Plan laufen? Hatte ich irgendetwas in der Vorbereitung vergessen? Ich dachte kurz darüber nach, aber es fiel mir nichts ein. Mein Ziel bestand darin, die Strecke zu schaffen, ohne jegliche Zeitvorgabe. Ganz ohne? Nicht wirklich. Ich hatte mir ausgerechnet, daß ich so ca. 5 h brauchen würde, folglich wurde das meine „Zielzeit“. Im Vorfeld hatten mich einige der erfahrenen Läufer vor den Anstiegen und vor zu schnellem Laufen gewarnt. Das wollte ich beherzigen. Und los ging in Neuhaus mit einem Anstieg, welcher sich ca. 4,5km hinzog. Danach ging es ca. 4km bergab und zwischendurch befand sich der erste Verpflegungspunkt. Dort wollte ich nur Wasser trinken, aber das war, aufgrund des Wetters, bereits alle. Also auf das Alternativgetränk Tee umgeschwenkt – und weiter. Auf den nächsten zwei Kilometern ging es weiter bergab (was wir im Flachland leider am wenigsten trainieren können!). Die nächsten 3 km ging es wieder bergauf und ich vermied es, hier meine Körner zu verpulvern. Also Tempo raus und den Berg mit flinken Schritten hochgegangen. Und wieder runter und wieder hoch und so weiter und so fort. Dabei sollte man aber nicht die Aussicht auf den wunderschönen Thüringer Wald vergessen. Beim Kilometer 18,3 hat man den höchsten Punkt der Marathonstrecke, den „Eselsberg“, erreicht. Bei mir lief alles gut, kein Zwicken oder ähnliches und den Halbmarathon schon fast geschafft. Doch Stopp – Stau beim Marathon!

Das war neu für mich, aber man hatte mich bereits vorgewarnt. Bevor man den Verpflegungspunkt erreicht, muß man sich anstellen, denn es geht durch einen Hohlweg über Stock und Stein, Wurzeln und so weiter hinunter zur Triniusbaude. Nicht umsonst ist es ein „Crosslauf“ und wohl dem, der sich ordentlich auf dieses Gelände vorbereitet hat. Hier ging doch sehr steil hinunter. Beim nächsten Versorgungspunkt (km 22,3) meldete sich mein Magen und verlangte seinen Anteil. Da ich mir am Vortag die angebotenen „Speisen“ eingehender angeschaut hatte, wählte ich einen vollen Becher des leicht verdaulichen Haferschleims, da ich damit magentechnisch sehr gut zurechtkomme. Beim Trinken habe ich mich an Wasser und Apfelschorle gehalten, wobei ein Großteil des Wassers auf meinem Kopf landete zwecks Kühlung. Unterstützung diesbezüglich bekamen wir von Petrus, denn er schickte uns eine Menge Wolken, so daß die Sonneneinstrahlung auf ein erträgliches Maß gesenkt wurde. Beim Weiterlaufen stellte ich fest, bereits gut die Hälfte des Abenteuers geschafft zu haben und überlegte mir, wie man den Schrecken der restlichen 20 km mental in Griff bekommen sollte. Mir gelang dies mit der sogenannten „Rückzählmethode“, denn jetzt waren es nur noch 20km bis zum Ziel, dann 17, 15, 9 (huch nur noch einstellig) und so weiter. Auf den nächsten 8km bis zum „Großen Burgberg“ gab es längere Anstiege und kürzere Abstiege, die ich abwechselnd gehend und laufend bewältigte. Ab diesem Punkt sollte die eigentliche Herausforderung für die Oberschenkelmuskulatur zu Tage treten – lange Abstiege und nur kurze Anstiege. Am „Großen Dreiherrenstein“ dann die vorletzte Möglichkeit, die Durst zu löschen und den Kopf zu kühlen, gesagt, getan. Und nur noch 9km bis zum Ziel und mit 4:04 h noch immer gut im Zeitplan. Also weiter hinunter ins nächste Tal nach Allzunah. Am letzten Versorgungspunkt (km 37) gab es zur Krönung Bier. Ich nahm ein Becher Köstritzer Schwarzbier, mußte aber feststellen, eine Apfelschorle wäre besser gewesen. Noch 5km und ich bin im Ziel. Jetzt ging es fast nur noch bergab und die ersten Ermüdungserscheinungen traten zu Tage. Der rechte Knieansatz des Oberschenkelmuskels „teilte“ mir mit, daß es langsam Zeit wäre, mit diesem Quatsch Schluß zu machen und ich reduzierte notgedrungen das Tempo. Schließlich wollte ich das Blockieren des Muskels so kurz vor dem Ziel vermeiden. Mit gedrosselter Geschwindigkeit ging es hinunter bis nach Schmiedefeld, dem tiefsten Punkt der Strecke, um mich dem letzten Härtetest zu unterziehen – die „Reitallee“. Das ist der letzte Kilometer des Marathons, den ich laufend und gehend in Angriff nahm. Nach gut 5:07 h war ich im Ziel und hatte meinen ersten Marathon erfolgreich bestanden. Wow! Unglaublich! Man kann das Gefühl nur sehr schwer beschreiben, nein, man muß es erlebt haben! Ich war unendlich stolz auf mich und all die Anstrengungen hatten sich gelohnt. Nachdem ich mich trockengelegt und erholt hatte, ging es nach längerem Warten mit dem Bus zurück nach Oberhof, um den Tag in Ruhe ausklingen zu lassen.

Den nächsten Tag hatte man mir als den „Horror“-Tag angekündigt, denn die Beinmuskulatur sollte bei fast allen Gängen ihren Dienst verweigern wollen, speziell beim Treppen runtergehen. Da wir am nächsten Tag nach Hause fahren wollten, war ich gespannt, wie heftig dies werden würde. Jedoch blieb ich von solchen extremen Schmerzen (Muskelkater) verschont. Es hat natürlich ein wenig gezwackt, aber es war auszuhalten und gab dafür fast die höchste B-Note in der Haltung. Ich denke, daß der Grund darin liegt, daß ich entgegen der Expertenmeinung gehandelt und meinen Körper annähernd auf diese Belastung vorbereitet habe. Dieses Konzept werde ich beim Berlin-Marathon im September wiederholen und dann vergleichen.

Jan Wiesner

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