Wo bitte schön ist Norden?
42. Teufelssee-OL

Diese einfache Frage lässt sich doch mit einem Kompass klären, mag der Ein oder Andere jetzt antworten. Oder die mehr Naturverbundenen unter uns werden mir sagen: „Im Osten geht die Sonne auf…“ oder dass ich einen Stock in den Boden stecken und den Schattenwurf verfolgen solle. Ich könnte auch meinen Blick zum Himmel erheben und den Polarstern suchen, wenn es jetzt dunkel wäre.
Es ist aber nicht dunkel.

Ich stehe hier um 11 Uhr im Seddiner Wald am Start meines ersten Orientierungslaufes und bin gelinde gesagt, orientierungslos. Ich muss mir eingestehen, dass mich die Aufregung vor dem was da gleich auf mich zukommen mag, etwas wuschig macht. Mein Navi hat mich hergeführt. Ort und Straße habe ich der Ausschreibung entnommen und vor Fahrtantritt in mein Navigationsgerät eingegeben. Heutzutage gibt man ja alles einfach ins Navi ein, drückt „Start“ und schon berechnet der kleine Computer die Route. Ganz easy. Als Fahrer kann man dann bequem den Kopf ausschalten und braucht nur der netten Navistimme bis zum Zielort zu folgen. Bei mir heißt die Stimme „Tina“, und ihre sanfte Stimme hat mich sicher zu einer Turnhalle nach Seddin gebracht. Ich gebe zu, mit ein bisschen mehr Einsatz meines Gehirnschmalzes hätte ich den Sportschuppen in der Nähe des Bahnhofes auch ohne Navi gefunden. Aber warum suchen, wenn es einem die Technik so schön einfach macht? Aber mit moderner Technik hat Orientierungslaufen nicht viel zu tun. Nix GPS und Handy. Hier wird mit Karte und Kompass wie zur Urgroßmutters Zeiten nach dem richtigen Weg gesucht.

An der Anmeldung hatte mir freundlicherweise Kristina vom Orientierungslaufverein Potsdam und Läuferin aus der Dienstagsgruppe ein kleines Starterset bereitgelegt. In dieser Tüte mit meinem Namen drauf fand ich ein USB-Stick-großes Plasteteil, mit dem im Wettkampf die gefunden Zwischenpunkte (Posten) registriert werden, eine Hülle für Streckenhinweise und zu meiner großen Freude – einen Kompass. Da weiß wenigstens Einer von uns Beiden wo Norden ist, schoss es mir den Kopf, als ich mir die kaum 15 cm große drehbare Plastikscheibe näher ansah.

Aber zurück, ich stehe immer noch im Startbereich und habe noch 6 Minuten es los geht, geht es mir durch den Kopf. Mein Blick fällt auf die anderen Teilnehmer. Kinder, Jugendliche, aber auch viele Läufer älteren Baujahrs entdecke ich. Alte Hasen denke ich so bei mir. Die laufen schon ewig. Nach denen wird bestimmt heute Abend nicht gefahndet. In Gedanken sehe ich mich schon als Fahndungsplakat an allen Bäumen hängen. „Orientierungsläufer vermisst“ steht da drauf. Hundertschaften der Bereitschaftspolizei mit Hunden durchkämmen den Wald, Hubschrauber kreisen in der Luft. Anwohner fragen „Was ‘n los?“. Und einer der Älteren sagt, „So ‘n Anfänger hat sich im Wald verirrt … und …“Das passiert immer wieder mal“ und alle anderen „Hasen“ nicken wissend… Sarkasmus pur… An was man alles so denkt vor dem Start….

Am Start steht eine Digitaluhr und die zeigt Minuten an. Minuten nach der Nullzeit, so nennen die Orientierungsläufer das, hab ich mir sagen lassen. Laut Starterliste ist 18 Minuten nach der Nullzeit mein Start. Aktuell wird „16“ leuchtend rot angezeigt. Ich hab noch 2 Minuten schießt es mir durch den Kopf. Ich muss mal ganz dringend in die Büsche…. Und wie ich so am Baum stehe, sorry dafür, aber detaillierter wird’s dann an dieser Stelle auch nicht, fällt mir Moos ein. Moos könnte mir helfen. Bei den Pfadfindern sagen sie immer, Moos an einem Baum zeigt die Wetterseite, und somit Westen an. Weil der Regen und der Wind meistens aus westlicher Richtung wehen, wächst Moos meist in Richtung Westen. Zudem neigen sich freistehende Bäume durch den einfallenden Wind nach Osten. Damit hab ich schon mal zwei Himmelsrichtungen sicher erkannt. Cool denke ich mir so, wenn du einen dicken Baum mit Moos dran findest, weißt du schon mal wo Westen ist. Westen ist zwar nicht Norden, aber zumindest besser als völlig im Tal der Ahnungslosen zu stehen und sich überhaupt nicht orientieren zu können. Leider sehe ich grad gar keinen Baum mit Moos dran. Egal denke ich mir. Ich bin etwas beruhigter, weil nicht mehr ganz orientierungslos. Ich muss zum Start.

Ich merke grad beim Schreiben, dass der Bericht wohl etwas länger wird, als ich geplant hatte. Ich hoffe ihr bleibt trotzdem dran und lest weiter.

Ich hatte mich für die Beginner-Strecke angemeldet. Für meinen ersten Wettkampf wollte ich nicht übertreiben und es lieber langsam angehen lassen. Irgendwie hatte ich die Suchhundestaffel und den Hubschrauber wohl schon bei der Anmeldung in meinen Gedanken…

Die bei OL, wie sich die Orientierungsläufer so nennen, betreiben bei Wettkämpfen einen richtig großen Aufwand. Das wurde mir am Start ganz schnell noch mal bewusst vor Augen geführt. Beim Nachbarn abgucken, wie in der Schule oder der Masse nach dem Startschuss hinterhertraben, wie bei uns Läufern üblich, gibt’s bei den OL´ern nicht. Für jede Altersklasse gibt es verschiedene Streckenlängen, Routen und Startzeiten. Insgeheim hatte ich mir ausgenmalt, dass ich mir nach dem Start so einen erfahrenen Hasen suche und mich an den dranhänge. Dann kann ich mich quasi an ihm orientieren und komme so gemütlich durch den Wettkampf.

Denkste. Falsch gedacht. Nix mit dranhängen und gemütlich orientieren.
Ich fand mich bei Nullzeit plus 18 Minuten mit vier weiteren Startern an der Startlinie wieder. Meine kurze Frage in die Runde, ob den einer auch die „Bahn T“ läuft wurde 4x kopfschüttelnd quittiert. Na super, spätestens jetzt wusste ich es ganz genau – Ich bin auf mich allein gestellt!

Warum hab ich noch gar nichts zur Strecke gesagt. Sie werden, meine lieben Leser, es bereits ahnen. Ich konnte bislang nichts zur Strecke sagen, denn ich kannte sie nicht. Ich wusste aus der Ausschreibung nur, dass meine Strecke 4 km lang sein soll. Ich nehme mal an und das wurde mir von Sekunde zu Sekunde nun klarer, dass 4 km eher als grobe Orientierung, denn als eine wirkliche Länge verstanden werden sollten. Ich hatte in den Ergebnislisten des Vorjahres einen Teilnehmer gefunden der knappe 2 Stunden(!) für die Strecke benötigt hatte. Wahnsinn. Wer braucht denn zwei Stunden für 4 km? Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass selbst eine Oma mit vollen Einkaufstüten diese Strecke schneller bewältigen könne. Aber Hochmut kommt vor dem Fall, Mario. Lauf erst mal selber sagte ich mir, wirst schon sehen, ob dein Spott dir nicht zum Verhängnis wird. Mit der Streckenwahl fühlte ich mich dennoch auf der sicheren Seite. 4km, selbst 8 oder 10 km sollten einem Marathon erprobten Läufer wie mich so schnell nicht aus der Bahn werfen.

Es piepte. Die leuchtend rote Uhr piepte. Meine vier Mitstreiter griffen in am Start aufgehängte und mit Bahnnummern gekennzeichnete, undurchsichtige Taschen und zogen jeder eine Karte heraus. Da war sie also die Karte. Ich suchte das T für meine Bahn. Kristina, die auch am Start mithalf, zeigte mir eine am Boden stehende Kiste. Anfänger haben also nicht mal eine Tasche, schoss es mir durch den Kopf. Ich bekomme meine Karte aus einer Kiste. Vielen Dank. Aber Schwamm drüber.

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Da hielt ich sie nun in den Händen, meine erste OL-Wettkampfkarte.
Ich blickte drauf…. und….. erkannte nichts!
Eine bunte Karte mit schwarzen Strichen und braunen Linien.
Viele, viele große Fragezeichen taten sich vor mir auf.
Ja ich war aufgeregt, ich gebe es zu.
Ich wollte los, aber wohin nur?
Ich stand am Start vor einer Kreuzung. Links, geradeaus oder rechts?
Wohin nur?
Alle meine Mitstreiter waren bereits losgelaufen. Drei nach links, Einer geradeaus. Keiner rechts.
Und ich stand immer noch wie angewurzelt da.
Die Karte muss mir doch sagen, wohin ich laufen soll!
Oder soll ich einfach mal loslaufen? Am besten bis hinter die erste Kurve. Dann sieht mich keiner und ich kann mich dort in aller Ruhe neu orientieren.

Ich kam mir hilflos vor. So hilflos wie selten zuvor.
Und wo bitte schön ist auf dieser Karte Norden?
Irgendwo müssen doch ein Nordpfeil und der Startpunkt mit einem Dreieck eingezeichnet sein.
Ich suchte das Dreieck.
Ich fand das Dreieck.

Ein wenig Sicherheit machte sich bei mir breit. Ich hatte den Startpunkt gefunden, zumindest auf der Karte. Ich war zwar noch keinen Meter gelaufen, aber ich wusste nun wo ich war.

Jetzt hieß es Karte einnorden und loslaufen. Ich entschied mich fürs loslaufen. Einnorden wird überbewertet! Du steht jetzt hier schon ne halbe Ewigkeit, du musst jetzt loslaufen, hämmerte es in meinem Kopf! Einnorden mache ich später, vielleicht an einem Baum mit Moos dran, wenn ich einen finden sollte.
Ich rannte los.
Nach links.

Wer jetzt noch nicht genug gelesen hat und noch mehr wissen möchte, kann mich gern ansprechen….

Nur Eines noch: Suchhundestaffel und Hubschrauber kamen nicht zum Einsatz. Ich habe nach weniger als zwei Stunden selbstständig und glücklich wieder aus dem Wald gefunden. J

Euer Mario
Norden ist nur auf einer Karte oben. Im wahren Leben ist dort der Himmel.

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