„Bist Du schon mal den New York Marathon gelaufen?‘‘

Diese Frage hörte ich in den letzten zehn Jahren gefühlte 150 Mal. Meine Standardantwort: „Nein, New York reizt mich überhaupt nicht und habe ich kein Interesse dran‘‘. Das war auch ehrlich gemeint, die Anziehungskraft zum Lauf der Superlative hatte mich nie wirklich erreicht.
In einer spontanen Eingebung kam jedoch der Gedanke auf, dass ich mit Erreichen des 40. Lebensjahres doch mal Marathon in New York laufen könnte. Letztendlich ging die Umsetzung sehr schnell und mit zwei weiteren Mädels aus meiner Heimatstadt Bonn, sowie ein weiteres Mädel aus Münster, meldeten wir uns im Dezember 2015 über die Veranstalterin von „Laufabenteuer‘‘ an und sicherten uns einen Startplatz. Da auch der Urlaubszeitraum bei allen passte, planten wir drum herum in Eigenregie eine fast dreiwöchige Reise mit den Stationen Boston, New York, Washington und einer Regenerationsabschlusswoche in Miami.

Tag des Laufs: Erfreulicherweise ist in New York die offizielle Zeitumstellung zur Winterzeit eine Woche später als in Deutschland, so dass die Abfahrt der Shuttle-Busse um 6 Uhr morgens doch recht erträglich war. Kurz vor Ankunft in Staten Island um 7 Uhr gab die Reiseleiterin nochmal den eindringlichen Hinweis, bloß nicht zu schnell zu laufen und den Lauf lieber zu genießen! Auch wenn ich keine wirkliche Zielzeit im Kopf hatte, so redete ich mir abermals ein gemütlich zu laufen. Die Strecke weist 390 Höhenmeter auf, alleine aus diesem Grunde wollte ich mich schon nicht übermäßig verausgaben 😉

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Wir waren für die zweite Startwelle um 10:15 Uhr vorgesehen, kurze Bedenken, dass man sich bis dahin langweilen könnte, waren unnötig. Die Zeit ist wie im Fluge vergangen und wir hatten noch nicht mal Zeit uns auf unseren mitgebrachten Decken auszuruhen. Zu groß war die Neugier, alles in dem wirklich großen Startbereich zu besichtigen. Das Wetter dazu war einfach einladend, herrlichster Sonnenschein und die Temperatur steigerte sich im Laufe des Tages noch bis 16 Grad. Es gibt drei Startdörfer in den Farben grün, blau und orange und jede Farbe hat vier verschiedene Startwellen. Zudem ist jede Startwelle nochmal in Corrals á 1000 Läufer unterteilt. Hört sich kompliziert an, vor Ort ist aber nach einem kurzen Zurechtfinden alles übersichtlich.

Gegen 10 Uhr standen wir dann an der Startlinie und hörten aus den Boxen noch Musik bis die inoffizielle Hymne „America the beautyful‘‘ mit einer beachtlichen Stimme gesungen wurde. Wir haben zwar keine Sängerin gesehen, aber es hörte sich live an. Der Start an der Verrazano Narrows Brigde war relativ unspektakulär, kein Herunterzählen oder ähnliches und nach dem Startschuss ging es sofort los mit laufen. Da es kein Torbogen oder Flaggen gab an der Startlinie, hatte ich übersehen, dass ich die ganze Zeit 10 Meter vor der Matte gestanden habe und hörte im Anlaufen nur das Piepen der anderen Uhren in meinem Umfeld. Schnell drückte ich auch noch die Uhr ab während im Hintergrund Frank Sinatras „New York, New York‘‘ gespielt wurde.

Was darauf folgte, war in meinen Augen doch wieder spektakulär. Es ging an der Brücke gleich hoch hinauf zum höchsten Punkt der Strecke und von da aus hatte man einen wundervollen Blick auf die Freiheitsstatue und die Skyline von Manhattan. Parallel flogen neben der Brücke und fast auf Augenhöhe zwei Hubschrauber des NYPD entlang und drehten ihre Runden. Zudem erstrahlten im Sonnenlicht auf dem Upper Bay, von Feuerwehrbooten erzeugte Wasserfontänen in Regenbogenfarben. Ich lief mit staunendem offenem Mund über die Brücke und versuchte alles mit meinen Blicken aufzunehmen. O.k., zugebenerweise war ich auch ordentlich aus der Puste, ohne Einlaufen und die Brücke viel zu schnell hoch hat einem direkt klar und deutlich gemacht, was noch auf einen zukommt. Nach der Brücke, die immerhin mehr als 3 km lang ist, ist man bereits in Brooklyn und von da an nahm die Wahnsinns-Stimmung ihren Lauf. Geprägt von unzähligen Zuschauern, Bands, Chören, Trommlern, Einzelmusikern und Musikboxen wurde in allen Musikrichtungen von Jazz, Rock, Country, Rap, Chor und Blues und Zuschauerrufen Stimmung verbreitet.

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Von Brooklyn ging es meist schleichend bergan bis zur Pulaski Bridge rüber nach Queens und auch dort war reichlich Stimmung vorhanden. Einzig auf der Queensborough Bridge auf Höhe km 25 sind keine Zuschauer erlaubt, das war für mich auch der schlimmste Teil der Strecke. Eine nicht endende Brücke mit gefühlt fiesem Anstieg ließ alle Läufer zum Schweigen bringen. An diesem Punkt habe ich nun deutlich gemerkt, dass die Beine schlapp machen und der Rest noch sehr hart werden würde. Die Beine dankten mir nicht und nach ca. 10 Minuten auf der Brücke kam endlich der Scheitelpunkt und es ging wenigstens wieder bergab.

Was danach kam übertraf allerdings auch wieder meine Vorstellungskraft. Nach einer Kurve erreichte man die First Avenue in Manhattan und dort standen die Zuschauer in 2-3er Reihen, beidseitig und über mehrere Kilometer. Die Zuschauer wirkten euphorisch und feuerten einen richtig an, bzw. sie schrien einen an. Auf der First Avenue lief man sieben km nur geradeaus, bevor es über die Willis Avenue Bridge für einen kurzen Abstecher in den Stadtteil Bronx ging, wo ebenfalls ordentlich Stimmung herrschte. Über die letzte Brücke (ENDLICH!) Madison Avenue Bridge ging es zurück nach Manhattan und man lief man über die Fifth Avenue sechs km am Rande des Central Parks. Das wellige Profil in diesem Abschnitt machte es einem nicht wirklich leicht, immer zurück zu lächeln, wenn man gezielt angefeuert wurde.

In der vorletzten Rechtsabbiegung am Central Park in Richtung Columbus Circle gaben die Zuschauer nochmal alles, einfach unglaublich. Man hörte immer wieder den eigenen Namen und da ich noch ein Deutschland-Shirt trug, konnte man auch sehr oft die Rufe „Deutschland‘‘ oder „Germany‘‘ aufnehmen. Letzte Abbiegung nach rechts in den Central-Park und der Zieleinlauf war erreicht. Ca. 800 m später war es soweit und ich erreichte erleichtert, aber glücklich und zufrieden nach 04:11 Std. das Ziel.

Nach mittlerweile 30 Marathonläufen war New York bei weitem nicht mein leichtester Marathon, aber es war ein Erlebnis wert. Nach langem war ich mal wieder richtig aufgeregt vor einem Lauf und ich präsentierte mich auch mal als Marathon-Tourist, während des Laufes drehte ich mit meinem Handy noch ca. 20 Videos und ca. 30 Bilder. Früher habe ich immer den Kopf geschüttelt über solche Teilnehmer, mittlerweile haben Sie mein vollstes Verständnis. Auch habe ich nie nach einem Marathon gedacht, Du hättest langsamer laufen sollen um noch mehr zu genießen. Fakt ist jedoch, ich hätte definitiv langsamer laufen sollen um noch mehr von der Stimmung mitzunehmen.

„Bist Du schon mal den New York Marathon gelaufen?‘‘

„Ja, bin ich und es war ein tolles Erlebnis und die Atmosphäre war unbeschreiblich‘‘ 🙂

Nicole

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