Mit „Mocki“ auf’m Treppchen ….

28 km von Röbel nach Waren an der Müritz wollte ich laufen.
Das Wetter trübte meine Vorfreude etwas. Es weiß doch genau, dass ich keine Hitzeläuferin bin und schraubt trotzdem ausgerechnet an diesem Wochenende die Temperaturen auf 30 Grad hoch. Ich bemühte mich um Gelassenheit. Auch noch, als Wolfgang mir sagte, dass die erste Wasserstelle erst nach 10 km kommt. Na Prima. Mir war schon beim warten auf den Start in der Sonne zu warm und so verzichtete ich auf eine ausführliche Erwärmung und steckte stattdessen den Kopf unter den Wasserhahn.

Kurz vor dem Start kam die Mitteilung, dass auch Sabrina Mockenhaupt teilnimmt. Na das war ja eine Überraschung. Sie wurde heftigst beklatscht und anschließend wurde auch die Vorjahressiegerin vorgestellt. Dann ging’s auch schon los. Am Anfang lief es richtig gut für mich. Das ist in den meisten Rennen der Fall – die Frage ist nur, wie lange es anhält. Völlig unüblich für mich fand ich eine Gruppe, mit der ich mitlaufen konnte. Die Uhr fand es zwar ein bisschen zu schnell für meinen derzeitigen Trainingsstand – aber es fühlte sich gut an. Ich wurde richtig mitgezogen. Irgendwann wurde ich aber doch wieder zu ungeduldig oder die anderen langsamer. “Dürfen Frauen überhaupt so schnell laufen?” wurde ich beim überholen gefragt. Die Strecke lag zum größten Teil in der Sonne und war auch nicht ganz leicht zu laufen. Immer wieder gab es lang gezogene Steigungen. Auf einem Feld staubte ein Traktor vor sich hin… Es kam, wie es kommen musste: ich wurde langsamer. Merkwürdigerweise wurde ich trotzdem nicht nach hinten durchgereicht – es schien allen so zu gehen.

Spannend sind ja die verschiedenen Gedanken, die einem während eines Rennens durch den Kopf gehen und den Ausgang wesentlich beeinflussen: “bei der Hitze hat quälen eh keinen Sinn, du wirst ja doch keine gute Zeit schaffen” “aber auf dem Trainingsplan sind die nächsten Tage Ruhetage – also musst du dich wenigstens anstrengen, damit es Sinn macht…” “Ist doch gut, wenn es hier Steigungen gibt – dein Herbstziel ist auch hügelig” usw.

Meine inneren Stimmen und ich hatten uns gerade darauf geeinigt, dass wir zügig, aber ohne Zeitenstress laufen wollten. Die Uhr wollten wir einfach ignorieren und nach Gefühl laufen. An jeder Getränkestelle (die es übrigens doch sehr ausreichend gab) hielt ich an und trank ausgiebig. Plötzlich bekam ich gesagt, dass ich die vierte Frau sei. Und die dritte Frau sah ich sogar vor mir. Wenn ich die noch einholen könnte, würde das ja bedeuten, dass ICH gleich hinter Sabrina Mockenhaupt und der Vorjahressiegerin käme. Na wenn das keine Motivation war. Gefesselt von dem Gedanken pirschte ich mich Stück für Stück heran, blieb eine kurze Weile hinter ihr und sah, als ich neben ihr war, dass es ihr auch nicht besser ging als mir. Jetzt bloß nicht nachlassen und die schwindenden Kräfte so einteilen, dass es irgendwie schneller wird, aber trotzdem bis ins Ziel reicht…. Schließlich hörte ich ihre Schritte nicht mehr und triumphierte schon innerlich.

Immer, wenn es durch den Wald ging, erholte ich mich regelrecht. Das Laufen machte wieder Spaß. Lustig war auch ein Wegweiser, der genau auf einen großen Holzstapel zeigte. Ich dachte, dass das ja nicht sein könne und lief zunächst vorbei, um den Weg dahinter zu suchen – aber der Läufer nach mir zwängte sich durch den Spalt und so lief ich zurück und ihm nach. Dummerweise war der Weg jetzt so eng, dass ein überholen nicht möglich war. Ich mag es nicht, wenn ich nicht sehe, wohin ich laufe und zudem hätte ich hier auch ein bisschen schneller gekonnt. Ungeduldig wartete ich auf eine Gelegenheit zum überholen, denn bestimmt war mir meine Konkurrentin dicht auf den Fersen. Als ich mich kurze Zeit später an einer Getränkestelle umdrehte, war sie wieder kurz hinter mir. Jetzt aber los! Während ich es sonst immer motivierender fand, an Männern vorbei zu ziehen, interessierten die mich nun gar nicht mehr. Mein Ziel war es nur noch, vor der Frau hinter mir ins Ziel zu kommen und ich rannte, was unter den Bedingungen noch ging. Als ich das Ziel mit der Uhr sah, konnte ich meinen Augen kaum trauen: Das wäre ja meine Wunschtraumzeit – das konnte doch nicht sein? 3. Frau und noch diese Zeit? Im Ziel standen Wolfgang und Thorsten und ich flog ihnen glücklich in die Arme. Ich hatte meine Uhr unterwegs ja nicht mehr beachtet, sah aber jetzt, dass sie nur 26,3 km gemessen hatte. Das ist ja doch ein deutlicher Unterschied. Aber das war mir jetzt egal. Mitten im Wettkampf hatte sich für mich ein anderes Ziel ergeben, und das hatte ich erreicht: Ich stand mit Sabrina Mockenhaupt und der Vorjahressiegerin auf dem Treppchen und habe einen richtig schicken Pokal bekommen.
Fazit: es lohnt sich auch noch zu kämpfen, wenn man sich schon hängen gelassen hat.

Noch heute bei meiner lockeren Radrunde hatte ich ein seliges Grinsen im Gesicht.

Viele Grüße von
Sylvia

PS: Auf der Massageliege hat “Mocki” übrigens erzählt, dass sie in Mecklenburg im Trainingslager für den Berlin-Marathon ist und sich der Lauf deshalb für sie angeboten hat. Auch sie ist zunächst am Holzstapel vorbei gerannt. Auf meine Frage, ob denn kein Mann mehr vor ihr war meinte sie nur: Nee – zuerst hat er gebissen, aber denn war er wech…“
Mit einer Laufzeit von 1:43 ist sie vor allen Männern durchs Ziel und hat auch den Streckenrekord gebrochen.

Weiterführende Links:

Lauftreff 2000

Ergebnisse

Fotos

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